
1910 verwirklichte der Regisseur Max Reinhardt (1873–1943) erstmals in Berlin sein innovatives und europaweit aufsehenerregendes Konzept der Masseninszenierung mit der Aufführung der antiken Tragödie „König Ödipus” von Sophokles in der Bearbeitung von Hugo von Hofmannsthal (1874–1929): Er ließ sie in der Arena des Zirkus Schumann spielen. Damit näherte er sich dem ursprünglichen Amphitheater als Spielstätte an.
Auch Käthe Kollwitz war Augen- und Ohrenzeugin der Premiere und danach geradezu berauscht von der Wirkung, wie sie im Tagebuch schrieb. Reinhardt erprobte hier etwas auf der Bühne, was die Künstlerin schon seit ihrem Zyklus Bauernkrieg als Bildmotiv interessierte: Die Inszenierung von Menschenmassen.
Betrachtet man die späteren Werke von Kollwitz zu Müttern im Kriegs-Kontext – und vergleicht sie mit Reinhardts Choreografie von Volk und Chor als Gegenüber von „König Ödipus”, wird erkennbar, dass sie von dieser Aufführung offenbar für ihre eigene Arbeit inspiriert worden ist.
kurz vorgestellt:
Emil Orlik
(Prag 1870–1932 Berlin)
Nach Studium in München und erster Selbständigkeit in Prag wurde Orlik 1905 als Leiter der Grafik-Klasse an die Berliner Kunstgewerbeschule berufen. Er war Mitglied der Berliner Secession und machte sich einen Namen als Porträtist zahlreicher Personen aus der darstellenden und bildenden Kunst. Dazu schuf Orlik Entwürfe für Bühnenbilder und Kostüme. Er unternahm zahlreiche Fernreisen und ließ sich vom japanischen Farbholzschnitt inspirieren.
Alfred Roller
(Brünn 1864–1935 Wien)
Aus einer Künstlerfamilie stammend studierte Alfred Roller an der Wiener Akademie und wurde 1897 zum Mitbegründer der Wiener Secession. Bis 1903 arbeitete er als Lehrer an der Kunstgewerbeschule und wechselte dann als Ausstattungsleiter an die Wiener Staatsoper, wo er gemeinsam mit Gustav Mahler die Idee des szenischen Gesamtkunstwerks etablierte. 1909 wurde Roller Direktor der Kunstgewerbeschule in Wien, zugleich begann seine langjährige Zusammenarbeit mit Max Reinhardt in Berlin.
Ernst Stern
(Bukarest 1876–1954 London)
Nach einem Studium an der Münchner Kunstakademie arbeitete Stern zunächst als Zeichner für die bekannten Zeitschriften „Jugend“ und „Simplicissimus“. 1905 ging Stern nach Berlin und wurde Mitglied der dortigen Secession. An den Reinhardt-Bühnen avancierte er schnell zum Chefausstatter, in den 1920er Jahren stattete er auch Opern, Revuen und Filme aus. Stern war weiterhin bildkünstlerisch tätig und schuf mehrere druckgrafische Mappenwerke. Nach 1933 emigrierte Stern nach London.
Hermann Haller
(Bern 1880 – 1950 Zürich)
Nach Studien der Architektur und Malerei in Stuttgart und München wandte sich Haller 1905 in Rom der Bildhauerei zu. Dort entwickelte er ein Interesse für die etruskische Kunst, die seine zurückgenommenen Plastiken prägte. Ein Aufenthalt in Paris führte ihn in den Kreis des Café du Dome um Herni Matisse. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zog Haller nach Zürich, lebte zwischen 1921 und 1923 aber auch zeitweise in Berlin.
Karl Hubbuch
(Karlsruhe 1891 – 1979 Karlsruhe)
Hubbuch studierte bis 1914 Kunst in Karlsruhe und Berlin mit dem Schwerpunkt Druckgrafik. Nach 1918 begann er, seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg künstlerisch zu verarbeiten. 1928 erhielt er eine Professur an der Landeskunstschule Karlsruhe und wurde Mitglied der Vereinigung revolutionärer Künstler. Unter den Nationalsozialisten war er 1933 beruflich eingeschränkt. 1948 wurde er Professor an der Kunstakademie in Karlsruhe.
Oskar Kokoschka
(Pöchlarn 1886 – 1980 Montreux)
Nach einem Studium an der Kunstgewerbeschule in Wien kam Kokoschka 1910 nach Berlin und gehörte zum Kreis der Galerie Sturm von Herward Walden. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er abwechselnd in Wien und Berlin. 1934 emigrierte er über Prag nach England und lebte nach 1945 vornehmlich in der Schweiz. Sein Werk umfasst zahlreiche Porträts, in denen sich sein eigenständiger Expressionismus mit realistischen Tendenzen verbindet.
Hugo Lederer
(Znaim 1871 – 1940 Berlin)
Nach einer kunstgewerblichen Ausbildung arbeitete Lederer seit 1893 in Berlin. Zu seinen schönlinigen, vom Jugendstil geprägten Figuren kamen ab 1900 stilisierte Monumentalplastiken, die ihn zu einem der meistbeschäftigten Auftragsbildhauer des Kaiserreichs machten. Er verehrte die Tänzerin Anna Pawlowa sehr und schuf etliche Darstellungen von ihr, von der die Plastik mit dem fütternden Reh am beliebtesten war.
kurz erzählt:
Jedermann
Das Stück ist ein modernes Mysterienspiel über das Sterben eines reichen, egoistischen Mannes. Der reiche Jedermann führt ein frevelhaftes Leben und wird unerwartet vom Tod vor Gottes Gericht geladen. In seiner Todesstunde verlassen ihn Geliebte, Freunde und Verwandte und er erkennt, dass alle materiellen Güter vergänglich sind. In letzter Minute findet er zum Glauben, bereut seine Sünden und wird durch die Gnade Gottes gerettet.
Die Orestie
bearb. von Karl Gustav Vollmoeller, 1905
In Aischylos’ „Orestie“ spielt sich ein finsteres Familiendrama ab: König Agamemnon kehrt siegreich aus Troja zurück – doch seine Frau Klytaimnestra ermordet ihn aus Rache für die Opferung ihrer Tochter. Ihr Sohn Orest bringt wiederum seine Mutter zur Strecke, getrieben von Pflicht und Schuld. Das Stück gipfelt in einem Gericht der Götter, das Vergeltung durch Recht ersetzt, und markiert den Übergang von blutiger Rache zu zivilisierter Justiz.
König Ödipus
bearb. v. Hugo von Hofmannsthal, 1910
In Sophokles’ Drama herrscht König Ödipus über Theben. Als die Stadt von einer Seuche bedroht wird, sucht er verzweifelt nach dem Schuldigen. Auf der Suche deckt er ein schreckliches Geheimnis auf: Er selbst hat seinen Vater getötet und unwissentlich seine Mutter geheiratet. Die Tragödie zeigt, wie menschliches Streben nach Wahrheit und Kontrolle auf unentrinnbares Schicksal trifft.
Ausstellungswerke:
65
Ernst Stern
Zeichnerische Notiz während der Proben zu Aischylos‘ Orestie
im Zirkus Schumann/Großes Schauspielhaus 1911/1919 unter der Regie von Max Reinhardt
o.J.
Mischtechnik
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität Köln
66
Emil Orlik
Chor der Ältesten aus „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)
Kreidelithografie in Schwarz
Stiftung Stadtmuseum Berlin
Der „Chor“ des antiken Dramas nimmt eine Mittelstellung zwischen den handelnden Hauptpersonen und dem Volk ein. Er vertritt den Durchschnittsmenschen und fungiert als Stellvertreter des Volkes, dessen Anliegen er gegenüber dem Protagonisten zur Sprache bringt. Zugleich kommentiert der Chor die wichtigsten Stationen des Geschehens.
67
Emil Orlik
Ansturm des Volkes auf den Palast aus „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)
Kreidelithografie in Schwarz
Stiftung Stadtmuseum Berlin
Emil Orlik (1870–1932) begleitete die Proben für die Aufführung von „König Ödipus“ im Zirkus Schumann und hielt besonders eindrucksvolle Momente der Inszenierung in Skizzen fest. Diese setzte er anschließend in Lithografien um.
Ihn interessierte vor allem das Gegenüber von einem Herrscher mit der Masse des aufgeregten Volkes: Das von der Pest geplagte Volk fleht seinen König Ödipus um Hilfe an. Durch die Aussonderung eines Protagonisten aus der Menge hatte sich in der Antike historisch die dialogische Struktur des Dramas entwickelt.
68
Emil Orlik
Teiresias und die aufgebrachte Volksmenge aus „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)
Kreidelithografie in Schwarz
Stiftung Stadtmuseum Berlin
Käthe Kollwitz hob nach der Premiere von „König Ödipus“ besonders das heftige Winken des leidenden Volkes hervor. Hier nähert sich der blinde Seher Teiresias dem Palast mit der aufgebrachten Menge davor. Er wird Ödipus die Wahrheit über seine unheilvolle Rolle in der Tragödie offenbaren.
69
Oskar Kokoschka
Max Reinhardt
1919
Kreidelithografie
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Max Reinhardt (1873–1943) war die theaterhistorisch bedeutsame Persönlichkeit in Berlin nach 1900. Neben seinen innovativen Inszenierungen im Zirkus Schumann hatte er sich auch für technische Neuerungen, wie die Drehbühne, engagiert und neue Beleuchtungssysteme eingesetzt.
70
Hermann Haller
Impressionen zu Tilla Durieux
1917
Bronze
Georg Kolbe Museum, Berlin
71
Oskar Kokoschka
Tilla Durieux (en face)
1920
Kreidelithografie
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Tilla Durieux (1880–1971) gehörte bis 1911 zu den Stars von Max Reinhardts (1873–1943) Ensemble am Deutschen Theater. In der Inszenierung der Sophokles-Tragödie „König Ödipus“ 1910 im Zirkus Schumann spielte sie die weibliche Hauptrolle der Königin Jokaste und war damit eine weibliche Protagonistin, die von Chor und Volksmenge als Mächtige angesprochen wurde.
Käthe Kollwitz war von der Schauspielerin besonders beeindruckt bei einer Lesung im Salon Paul Cassirer im Jahr 1917. Die Bühnendarbietungen von Durieux fanden jedoch nicht uneingeschränkt ihre Zustimmung.
72
Ernst Stern
Zeichnerische Notizen während der Proben zu „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)
Bleistift, Farbkreide
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
73
Emil Orlik
Vor dem Palast aus „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)
Gouache
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Emil Orlik (1870–1932) war von Max Reinhardts (1873–1943) Inszenierung des „König Ödipus“ im Zirkus Schumann ebenso fasziniert wie Käthe Kollwitz. Bei seiner Darstellung einer Aufführung vor Publikum wird das Innovative von Reinhardts Konzept erkennbar: Die Vorstellung fand inmitten der Zuschauenden statt, die Trennung des Publikums zum Bühnenraum war damit weitgehend aufgehoben. Die Zuschauenden nahmen so gleichsam als „Volk“ an dem Stück teil.
Zu „König Ödipus“
Käthe Kollwitz war 1910 begeisterte Augen- und Ohrenzeugin der aufsehenerregenden Premiere von Sophokles‘ „König Ödipus“ im Zirkus Schumann. Danach schrieb sie beeindruckt in ihr Tagebuch:
„Die Ödipus-Aufführung am 7. November. Ganz grandios, ganz gewaltig. Wenn auch nicht sophokleisch und nicht antik, wenn auch Zirkusstil (‚King Ödipus in Karlshorst‘) – so doch neu, aufregend, kolossalisch in den Dimensionen, tragisch wirkend. Das Volk nach der Kunde von Jokastens Tod hin- und zurückgeschleudert am Palast wie tosende Brandung. Der Strudel. Als dann der geblendete Ödipus erscheint, der aufseufzende Schrei mit dem das Volk zurückbebt bis aus der Arena heraus. Ödipus wenn er aus seiner Sonnenhöhe zum Chor sprach, ebenso wie er den Chor nur als dämmernde Masse sah, schien er ihn zu hören, nur undeutlich, nur halb willig hörte er hin mit dem ärgerlich ungeduldigen Gesichtsausdruck eines Menschen, der Unliebes hört. Dann sein Schreien, als er aus dem Palast kommt, sein fassungsloser Jammer. Jokaste mit dem blutroten Munde, wie sie beide Arme horizontal von sich streckend das Unentrinnbare sieht. / Und zuletzt der Beifall, wert einer solchen Aufführung. / Tagelang hat es mich gehoben.“
74
Emil Orlik
Max Reinhardt bei der Probe
1910
Radierung
Privatsammlung Berlin
75
Karl Hubbuch
Probe im Großen Schauspielhaus
1919
Radierung
Stiftung Stadtmuseum Berlin
Wie sehr das Berliner Publikum nach dem Umbau des Zirkus Schumann vom neuen, 1919 fertiggestellten Großen Schauspielhaus beeindruckt war, zeigt Karl Hubbuchs (1891–1979) Radierung. Man nahm Poelzigs (1869–1936) Architektur als fantastisch „wie ein Stück arabischer Märchenwelt“ wahr. Der Zuschauerraum fasste mehr als 3.000 Plätze.
Hubbuch zeigt eine Probe für Aischylos‘ antiker Tragödie „Orestie“, mit der Max Reinhardt (1873–1943) das neue Theater am 28. November 1919 vor geladenem Publikum einweihte.
Zirkus Schumann
Das Gebäude war ab 1865 als erste Berliner Markthalle errichtet worden, die jedoch vom Publikum nicht angenommen und deshalb nach wenigen Monaten wieder geschlossen wurde. Ab 1873 erfolgte die Umnutzung zu einem festen Zirkusgebäude. Der Circus Renz präsentiert sich dort bis 1897 und erhöhte die Kapazität des Zuschauerraums auf über 5000 Plätze. 1899 zog der Zirkus Schumann ein, der im Jahr 1918 schloss. Max Reinhardt nutzte die große Bühne und die vielen Zuschauerplätze ab Winter 1910 für seine Idee des Arenatheaters.
76
Hans Poelzig (Entwurf)
Zirkus Schumann/Großes Schauspielhaus Berlin
Architekturmodell 1990
Kunststoff, Furnierholz, Pappe, Draht, Lampen
Stiftung Stadtmuseum Berlin
Max Reinhardt (1873–1943) hatte mit seinem innovativen Konzept der Masseninszenierung besonders zwei Dramen mit spektakulärem Erfolg im Zirkus Schumann spielen lassen: 1910 Sophokles‘ Tragödie „König Ödipus“ und 1911 die Uraufführung von Hugo von Hofmannsthals (1874–1929) Mysterienspiel „Jedermann“.
Während 1911 mit der ebenfalls viel beachteten Aufführung der „Orestie“ von Aischylos ein weiteres antikes Stück im Zirkus lief, begegnete Reinhardt dem Architekten Hans Poelzig (1869–1936). Mit ihm zusammen entwickelte er die Idee, diese Spielstätte zum Großen Schauspielhaus umzubauen. Unter großem Aufsehen wurde der Umbau 1919 mit Aischylos‘ „Orestie“ eröffnet. Wahrscheinlich wohnte auch Käthe Kollwitz dieser Einweihung bei.
Großes Schauspielhaus
Nach spektakulären Gastspielen im Zirkus Schumann 1910 und 1911 mit den Stücken „König Ödipus“, „Orestie“ und „Jedermann“ versuchte Max Reinhardt in Berlin diese Form des Theaters, bei der das Publikum eine runde Bühne umringt, zu verstetigen.
Reinhardt übernahm das Zirkusgebäude und ließ es von dem Architekt Hans Poelzig zum Großen Schauspielhaus umgestalten. Mit dem Umbau im expressionistischen Stil entstand mit 3200 Sitzplätzen und innovativer Technik das damals modernste Theater Europas. Eröffnet wurde der beeindruckende Umbau mit einer Wiederaufnahme der „Orestie“. Um den finanziellen Erfolg zu sichern, wurde der Bau ab 1920 zu einem die 20er Jahre prägenden Revuetheater.
Zu „Jedermann“
Nach dem Besuch einer Vorstellung von Hugo von Hofmannsthals (1874–1929) Mysterienspiel „Jedermann“, die im Zirkus Schumann aufgeführt wurde, schrieb Käthe Kollwitz im Januar 1912 dem Sohn Hans:
„Abends waren wir in Jedermann. […] Ich fand es wunderschön und vor allem Moissi von hinreißender Liebenswürdigkeit und Temperament. […] Diese Rolle aber hält man fast wie für ihn gemacht. Hamlet spielt er, aber hier ist er der verwöhnte, schöne, liebenswürdig schwache junge Kerl, den das Sterben so entsetzlich schwer ankommt. Wie er endlich begriffen hat, was sterben heißt und daß ihm nichts von seinen irdischen Freuden bleibt, wie er da seine dicke goldene Kette abnimmt und weit weg wirft, seine Ringe weit weg, mit diesem Gesichtsausdruck eines verwöhnten lieben Jungen, der findet, daß ihm sehr Unrecht geschieht und gleich weinen wird. Wundervoll war das alles, ganz wundervoll. – Und in diesem naiven Schaustück, das mit Knochenmann, Engeln und Teufeln operiert als ob man weiß Gott nicht im 20. Jahrhundert lebt, wird man – werde ich wenigstens – so ganz gepackt von dem Grauen des unerbittlichen Todes.“
77
Käthe Kollwitz
Das Volk
1923
Bleistift
Käthe Kollwitz Museum Köln
Käthe Kollwitz‘ Vorstellung des leidenden Volks im Krieg scheint von den Seherfahrungen geprägt, die sie 1910 bei der Inszenierung von „König Ödipus“ erlebte. Die Künstlerin hatte sie nach der Aufführung im Tagebuch mit eindrücklichen Sprachbildern geschildert. Die Verzweiflung des kriegsgeschädigten Volkes verarbeitete sie bildkünstlerisch Jahre nach dem Theatererlebnis.
78
Käthe Kollwitz
Blinde
1922/23
Kohle
Käthe Kollwitz Museum Köln
In der König Ödipus-Inszenierung beeindruckte Kollwitz besonders die Choreografie der in heftiger emotionaler Bewegung wogenden Volksmassen. Ins Tagebuch schrieb sie:
„Das Volk nach der Kunde von Jokastens Tod hin- und zurückgeschleudert am Palast wie tosende Brandung. Der Strudel.“ Käthe Kollwitz‘ Darstellungen des unter dem Krieg leidenden Volkes scheinen von diesen Seheindrücken inspiriert worden zu sein.
79
Käthe Kollwitz
Die Mütter
Blatt 6 aus der Folge Krieg
1922
Holzschnitt
Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
80
Käthe Kollwitz
Das Volk
Blatt 7 aus der Folge Krieg
1921/22
Holzschnitt
Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
81
Käthe Kollwitz
Die Überlebenden
1923
Kreide- und Pinsellithografie sowie Schabnadel
Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
Was die „Mütter“ von Kollwitz uns als Betrachtende vor dem Bild stumm vortragen, wird auf dem Plakat als Forderung ausgesprochen. Angesichts der Schrecken, die auch die Überlebenden eines Krieges erleiden müssen, kann es nur eine Devise geben: Krieg dem Kriege!
Diese Forderung richtet Kollwitz an das Publikum, dem sie damit die Handlungsmacht zuweist – so ähnlich wie das Volk vor Ödipus steht und verlangt, dass er dem Elend ein Ende bereite.
82
Käthe Kollwitz
Turm der Mütter
1937/38
Bronze
Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
Schon als sie den Holzschnitt Die Mütter für ihre Folge Krieg schuf, hatte die Künstlerin die Idee, die Komposition auch als Rundplastik zu gestalten. Als sich dann 1937/38 die Anzeichen zu einem erneuten Krieg mehrten, setzte sie die Bildidee in der Plastik um.
Erneut legte sie die Gruppe der Mütter mit einer anführenden Frau so an, dass sie uns konfrontativ gegenübersteht – ähnlich wie Chor und Volk anklagend vor König Ödipus treten. Wir als Betrachtende werden so in die Position der Herrschenden versetzt, in deren Macht es liegt, entweder die Kinder im Schutz der Mütter zu attackieren oder, im Gegenteil, ihre Partei zu ergreifen und den Krieg zu verhindern.
83
Käthe Kollwitz
Abschiedwinkende Soldatenfrauen
1937/38
Bronze
Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
In einem Vergleich mit Emil Orliks (1870–1932) Grafik „Chor der Ältesten“ zeigen sich Ähnlichkeiten mit Käthe Kollwitz‘ Komposition der Plastik. Die Künstlerin rekapituliert ein Erlebnis aus dem Ersten Weltkrieg, in dem Frauen und Kinder einem abfahrenden Zug mit Soldaten hinterherwinken, in dem sich die zum Kriegsdienst verpflichteten Ehemänner und Väter befinden.
Die Betrachtenden treten an die Stelle der Soldaten und spüren den Abschiedsschmerz und die Angst der zurückbleibenden Familien.



