Zirkus Schumann

Das Gebäude war ab 1865 als erste Berliner Markthalle errichtet worden, die jedoch vom Publikum nicht angenommen und deshalb nach wenigen Monaten wieder geschlossen wurde. Ab 1873 erfolgte die Umnutzung zu einem festen Zirkusgebäude. Der Circus Renz präsentiert sich dort bis 1897 und erhöhte die Kapazität des Zuschauerraums auf über 5000 Plätze. 1899 zog der Zirkus Schumann ein, der im Jahr 1918 schloss. Max Reinhardt nutzte die große Bühne und die vielen Zuschauerplätze ab Winter 1910 für seine Idee des Arenatheaters.

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Karl Hubbuch
Probe im Großen Schauspielhaus
1919

Radierung

Stiftung Stadtmuseum Berlin

Wie sehr das Berliner Publikum nach dem Umbau des Zirkus Schumann vom neuen, 1919 fertiggestellten Großen Schauspielhaus beeindruckt war, zeigt Karl Hubbuchs (1891–1979) Radierung. Man nahm Poelzigs (1869–1936) Architektur als fantastisch „wie ein Stück arabischer Märchenwelt“ wahr. Der Zuschauerraum fasste mehr als 3.000 Plätze.
Hubbuch zeigt eine Probe für Aischylos‘ antiker Tragödie „Orestie“, mit der Max Reinhardt (1873–1943) das neue Theater am 28. November 1919 vor geladenem Publikum einweihte.

Zu „König Ödipus“

Käthe Kollwitz war 1910 begeisterte Augen- und Ohrenzeugin der aufsehenerregenden Premiere von Sophokles‘ „König Ödipus“ im Zirkus Schumann. Danach schrieb sie beeindruckt in ihr Tagebuch:

„Die Ödipus-Aufführung am 7. November. Ganz grandios, ganz gewaltig. Wenn auch nicht sophokleisch und nicht antik, wenn auch Zirkusstil (‚King Ödipus in Karlshorst‘) – so doch neu, aufregend, kolossalisch in den Dimensionen, tragisch wirkend. Das Volk nach der Kunde von Jokastens Tod hin- und zurückgeschleudert am Palast wie tosende Brandung. Der Strudel. Als dann der geblendete Ödipus erscheint, der aufseufzende Schrei mit dem das Volk zurückbebt bis aus der Arena heraus. Ödipus wenn er aus seiner Sonnenhöhe zum Chor sprach, ebenso wie er den Chor nur als dämmernde Masse sah, schien er ihn zu hören, nur undeutlich, nur halb willig hörte er hin mit dem ärgerlich ungeduldigen Gesichtsausdruck eines Menschen, der Unliebes hört. Dann sein Schreien, als er aus dem Palast kommt, sein fassungsloser Jammer. Jokaste mit dem blutroten Munde, wie sie beide Arme horizontal von sich streckend das Unentrinnbare sieht. / Und zuletzt der Beifall, wert einer solchen Aufführung. / Tagelang hat es mich gehoben.“

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Emil Orlik
Vor dem Palast aus „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)

Gouache

Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln

Emil Orlik (1870–1932) war von Max Reinhardts (1873–1943) Inszenierung des „König Ödipus“ im Zirkus Schumann ebenso fasziniert wie Käthe Kollwitz. Bei seiner Darstellung einer Aufführung vor Publikum wird das Innovative von Reinhardts Konzept erkennbar: Die Vorstellung fand inmitten der Zuschauenden statt, die Trennung des Publikums zum Bühnenraum war damit weitgehend aufgehoben. Die Zuschauenden nahmen so gleichsam als „Volk“ an dem Stück teil.

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Ernst Stern
Zeichnerische Notizen während der Proben zu „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)

Bleistift, Farbkreide

Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln

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Oskar Kokoschka
Tilla Durieux (en face)
1920

Kreidelithografie

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Tilla Durieux (1880–1971) gehörte bis 1911 zu den Stars von Max Reinhardts (1873–1943) Ensemble am Deutschen Theater. In der Inszenierung der Sophokles-Tragödie „König Ödipus“ 1910 im Zirkus Schumann spielte sie die weibliche Hauptrolle der Königin Jokaste und war damit eine weibliche Protagonistin, die von Chor und Volksmenge als Mächtige angesprochen wurde.
Käthe Kollwitz war von der Schauspielerin besonders beeindruckt bei einer Lesung im Salon Paul Cassirer im Jahr 1917. Die Bühnendarbietungen von Durieux fanden jedoch nicht uneingeschränkt ihre Zustimmung.

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Oskar Kokoschka
Max Reinhardt
1919

Kreidelithografie

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Max Reinhardt (1873–1943) war die theaterhistorisch bedeutsame Persönlichkeit in Berlin nach 1900. Neben seinen innovativen Inszenierungen im Zirkus Schumann hatte er sich auch für technische Neuerungen, wie die Drehbühne, engagiert und neue Beleuchtungssysteme eingesetzt.

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Emil Orlik
Teiresias und die aufgebrachte Volksmenge aus „König Ödipus“
1910
(Inszenierung von Max Reinhardt im Zirkus Schumann Berlin, 1910)

Kreidelithografie in Schwarz

Stiftung Stadtmuseum Berlin

Käthe Kollwitz hob nach der Premiere von „König Ödipus“ besonders das heftige Winken des leidenden Volkes hervor. Hier nähert sich der blinde Seher Teiresias dem Palast mit der aufgebrachten Menge davor. Er wird Ödipus die Wahrheit über seine unheilvolle Rolle in der Tragödie offenbaren.