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Käthe Kollwitz
Abschiedwinkende Soldatenfrauen
1937/38

Bronze

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

In einem Vergleich mit Emil Orliks (1870–1932) Grafik „Chor der Ältesten“ zeigen sich Ähnlichkeiten mit Käthe Kollwitz‘ Komposition der Plastik. Die Künstlerin rekapituliert ein Erlebnis aus dem Ersten Weltkrieg, in dem Frauen und Kinder einem abfahrenden Zug mit Soldaten hinterherwinken, in dem sich die zum Kriegsdienst verpflichteten Ehemänner und Väter befinden.
Die Betrachtenden treten an die Stelle der Soldaten und spüren den Abschiedsschmerz und die Angst der zurückbleibenden Familien.

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Käthe Kollwitz
Turm der Mütter
1937/38

Bronze

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

Schon als sie den Holzschnitt Die Mütter für ihre Folge Krieg schuf, hatte die Künstlerin die Idee, die Komposition auch als Rundplastik zu gestalten. Als sich dann 1937/38 die Anzeichen zu einem erneuten Krieg mehrten, setzte sie die Bildidee in der Plastik um.
Erneut legte sie die Gruppe der Mütter mit einer anführenden Frau so an, dass sie uns konfrontativ gegenübersteht – ähnlich wie Chor und Volk anklagend vor König Ödipus treten. Wir als Betrachtende werden so in die Position der Herrschenden versetzt, in deren Macht es liegt, entweder die Kinder im Schutz der Mütter zu attackieren oder, im Gegenteil, ihre Partei zu ergreifen und den Krieg zu verhindern.

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Käthe Kollwitz
Die Überlebenden
1923

Kreide- und Pinsellithografie sowie Schabnadel

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

Was die „Mütter“ von Kollwitz uns als Betrachtende vor dem Bild stumm vortragen, wird auf dem Plakat als Forderung ausgesprochen. Angesichts der Schrecken, die auch die Überlebenden eines Krieges erleiden müssen, kann es nur eine Devise geben: Krieg dem Kriege!
Diese Forderung richtet Kollwitz an das Publikum, dem sie damit die Handlungsmacht zuweist – so ähnlich wie das Volk vor Ödipus steht und verlangt, dass er dem Elend ein Ende bereite.

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Käthe Kollwitz
Blinde
1922/23

Kohle

Käthe Kollwitz Museum Köln

In der König Ödipus-Inszenierung beeindruckte Kollwitz besonders die Choreografie der in heftiger emotionaler Bewegung wogenden Volksmassen. Ins Tagebuch schrieb sie:
„Das Volk nach der Kunde von Jokastens Tod hin- und zurückgeschleudert am Palast wie tosende Brandung. Der Strudel.“ Käthe Kollwitz‘ Darstellungen des unter dem Krieg leidenden Volkes scheinen von diesen Seheindrücken inspiriert worden zu sein.

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Käthe Kollwitz
Das Volk
1923

Bleistift

Käthe Kollwitz Museum Köln

Käthe Kollwitz‘ Vorstellung des leidenden Volks im Krieg scheint von den Seherfahrungen geprägt, die sie 1910 bei der Inszenierung von „König Ödipus“ erlebte. Die Künstlerin hatte sie nach der Aufführung im Tagebuch mit eindrücklichen Sprachbildern geschildert. Die Verzweiflung des kriegsgeschädigten Volkes verarbeitete sie bildkünstlerisch Jahre nach dem Theatererlebnis.

Zu „Jedermann“

Nach dem Besuch einer Vorstellung von Hugo von Hofmannsthals (1874–1929) Mysterienspiel „Jedermann“, die im Zirkus Schumann aufgeführt wurde, schrieb Käthe Kollwitz im Januar 1912 dem Sohn Hans:

„Abends waren wir in Jedermann. […] Ich fand es wunderschön und vor allem Moissi von hinreißender Liebenswürdigkeit und Temperament. […] Diese Rolle aber hält man fast wie für ihn gemacht. Hamlet spielt er, aber hier ist er der verwöhnte, schöne, liebenswürdig schwache junge Kerl, den das Sterben so entsetzlich schwer ankommt. Wie er endlich begriffen hat, was sterben heißt und daß ihm nichts von seinen irdischen Freuden bleibt, wie er da seine dicke goldene Kette abnimmt und weit weg wirft, seine Ringe weit weg, mit diesem Gesichtsausdruck eines verwöhnten lieben Jungen, der findet, daß ihm sehr Unrecht geschieht und gleich weinen wird. Wundervoll war das alles, ganz wundervoll. – Und in diesem naiven Schaustück, das mit Knochenmann, Engeln und Teufeln operiert als ob man weiß Gott nicht im 20. Jahrhundert lebt, wird man – werde ich wenigstens – so ganz gepackt von dem Grauen des unerbittlichen Todes.“

Großes Schauspielhaus

Nach spektakulären Gastspielen im Zirkus Schumann 1910 und 1911 mit den Stücken „König Ödipus“, „Orestie“ und „Jedermann“ versuchte Max Reinhardt in Berlin diese Form des Theaters, bei der das Publikum eine runde Bühne umringt, zu verstetigen.
Reinhardt übernahm das Zirkusgebäude und ließ es von dem Architekt Hans Poelzig zum Großen Schauspielhaus umgestalten. Mit dem Umbau im expressionistischen Stil entstand mit 3200 Sitzplätzen und innovativer Technik das damals modernste Theater Europas. Eröffnet wurde der beeindruckende Umbau mit einer Wiederaufnahme der „Orestie“. Um den finanziellen Erfolg zu sichern, wurde der Bau ab 1920 zu einem die 20er Jahre prägenden Revuetheater.

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Hans Poelzig (Entwurf)
Zirkus Schumann/Großes Schauspielhaus Berlin
Architekturmodell 1990

Kunststoff, Furnierholz, Pappe, Draht, Lampen

Stiftung Stadtmuseum Berlin

Max Reinhardt (1873–1943) hatte mit seinem innovativen Konzept der Masseninszenierung besonders zwei Dramen mit spektakulärem Erfolg im Zirkus Schumann spielen lassen: 1910 Sophokles‘ Tragödie „König Ödipus“ und 1911 die Uraufführung von Hugo von Hofmannsthals (1874–1929) Mysterienspiel „Jedermann“.
Während 1911 mit der ebenfalls viel beachteten Aufführung der „Orestie“ von Aischylos ein weiteres antikes Stück im Zirkus lief, begegnete Reinhardt dem Architekten Hans Poelzig (1869–1936). Mit ihm zusammen entwickelte er die Idee, diese Spielstätte zum Großen Schauspielhaus umzubauen. Unter großem Aufsehen wurde der Umbau 1919 mit Aischylos‘ „Orestie“ eröffnet. Wahrscheinlich wohnte auch Käthe Kollwitz dieser Einweihung bei.