45

Emil Orlik
Franz Moors Zimmer zu Schillers „Die Räuber“
1908

Gouache

Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln

1908 wurde Emil Orlik (1870–1932) von dem Regisseur Max Reinhardt (1873–1943) damit beauftragt, die Bühnenbilder für dessen Neuinszenierung von Friedrich Schillers (1759–1805) Drama „Die Räuber“ am Deutschen Theater Berlin zu gestalten. Paul Wegener (1874–1948) übernahm dabei die Rolle des eifersüchtigen Franz.
Es ist wahrscheinlich, dass Käthe Kollwitz diese Produktion auf der Bühne sah. Zum einen schätzte sie ihren Kollegen Orlik, zum anderen hatte sie das Stück auch in ihrer Kindheit zusammen mit der Schwester Lisbeth mit Papiertheaterpuppen aufgeführt. Zudem hatte ihr Bruder Conrad eine positive Kritik dieser Inszenierung veröffentlicht.

44

Emil Orlik
Die Schenke an der Grenze zu Sachsen zu Schillers „Die Räuber“
1908

Gouache

Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln

Die Szene in dieser Wirtsstube ist in ihrem Aufbau ähnlich wie bei Kollwitz‘ Radierung „Vier Männer in der Kneipe“. Auch in dieser Gasthausszene spitzt sich ein dramatischer Konflikt zu. Denn hier erhält der „gute“ Bruder Karl die von seinem „bösen“ Bruder gefälschte Nachricht, dass der Vater ihn verstoßen habe.
Auch Orlik (1870–1932) platziert eine Reihe von Männern mit dem Rücken zu den Betrachtenden vor ein Fenster. Bei entsprechender Bühnenbeleuchtung der Szene von hinten würde sich hier wie dort durch den Schattenwurf andeuten, dass sich aus der Situation kommende Ereignisse entwickeln.

43

Käthe Kollwitz
Die Gefangenen
Blatt 7 aus dem Zyklus Bauernkrieg
1908

Radierung, Strichätzung, Kaltnadel, Schmirgel und Vernis mou

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

Während die nach ihrer Niederlage zusammengepferchten Bauern auf der oberen Kompositionszeichnung vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, zeigt die endgültige Fassung des Blattes eine Gestalt in der Mitte, die besonders hervorgehoben wird. Als einzige scheint sie den Bildbetrachtenden unverwandt anzustarren. Die Künstlerin fordert mit dieser Figur dazu auf, sich in die elende Situation der Gefangenen hineinzuversetzen.
Es scheint, als hätte Käthe Kollwitz bei ihrer Gestaltung den späteren Betrachtenden vor Augen als jemanden, den man direkt ansprechen kann. Wie die Darstellenden auf der Bühne, war auch sie sich bewusst, dass sie ein Publikum hat, dem sie etwas mitteilen will.

41

Käthe Kollwitz
Pflüger mit stehender Frau im Vordergrund
verworfene dritte Fassung von Blatt 1 aus dem Zyklus Bauernkrieg
1906?

Radierung, Nadelbüschel sowie Vernis mou mit Durchdruck auf Kupferdruckpapier, überarbeitet mit Bleistift, Deckweiß und brauner Tusche

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Bei dieser frühen Fassung des ersten Blattes der Radierfolge „Bauernkrieg“ mit dem Titel „Die Pflüger“ wird erneut die Theaterähnlichkeit der Bildkonzepte von Käthe Kollwitz deutlich. Wie auf einer Bühne ist der Schauplatz der Szene in einen Vordergrund und einen fernen Hintergrund geteilt. Im Theater würde dieser Hintergrund als gemalte Kulisse vergegenwärtigt. Die dargestellten Figuren führen uns eine Geschichte aus der Vergangenheit vor Augen, für die wir keine bildlichen Dokumente haben.

40

Käthe Kollwitz
Losbruch
Blatt 5 aus dem Zyklus Bauernkrieg
1902/03

Radierung, Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta und Vernis mou

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

Bei ihrer Folge Bauernkrieg griff Käthe Kollwitz erstmals das Motiv der (Menschen-)Masse auf, das mit dem Industriezeitalter aufgekommen war und im zeitgenössischen Theater thematisiert wurde. Nach einer psychologischen Theorie von Gustave Le Bon (1841–1931) kann eine Menge von einzelnen Personen zu einer Masse verschmelzen, in der der einzelne Mensch untergeht. Diese Masse handelt wie ein Lebewesen, geführt von Personen, die aus ihr als Leitfiguren heraustreten.
In dem Blatt „Losbruch“ zeigen sich revolutionäre Energien. Die Masse der keilförmig vorwärtsstürmenden Bauern bildet ein unentwirrbares Gemisch aus Gliedmaßen, Köpfen und Waffen. Es lassen sich nur wenige Einzelne ausmachen.

31

Käthe Kollwitz
Aufruhr
1899

Radierung, Kaltnadel, Aquatinta, Pinselätzung, Schmirgel und etwas Roulette in Schwarz und Rot auf Kupferdruckpapier

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Die Radierung stellt die erste Beschäftigung der Künstlerin mit dem Thema des deutschen Bauernkriegs von 1524/25 dar, dem sie später einen Zyklus widmete. Wie Gerhart Hauptmann (1862–1946) für sein Drama, gibt auch Kollwitz an, dass ihre Quelle dafür Wilhelm Zimmermanns (1807–1878) historische Abhandlung gewesen sei.
Es stellt sich die Frage, ob sie nicht doch von der Uraufführung des „Florian Geyer“ 1896 dazu angeregt wurde, sich mit dem Stoff zu befassen. Bei einem Vergleich mit Corinths Aquarell fallen zwei bestimmende Bildelemente auf, die sich bei Corinth und Kollwitz finden: die Fahne und das Feuer.

30

Lovis Corinth
Rudolf Rittner als Florian Geyer
um 1915

Aquarell und schwarze Kreide, mit Deckweiß gehöht

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Der Schauspieler Rudolf Rittner (1869–1943) spielte die Titelrolle bei der Neuinszenierung von Hauptmanns Bauernkriegs-Drama „Florian Geyer“ 1904 am Lessingtheater in Berlin. Bühnenbild und Kostüme stammten von dem Maler Max Slevogt (1868–1932). Rittner war Käthe Kollwitz als Moritz Jäger aus der Uraufführung der „Weber“ bekannt. Lovis Corinth (1858–1925) war von dem Schauspieler so beeindruckt, dass er ihn mehrfach in Kostüm und Pose des Florian Geyer wiedergab.
Es ist belegt, dass die Künstlerin Hauptmanns Stück kannte. Wir wissen aber nicht, ob sie es auch auf der Bühne gesehen hat, und es wurde noch nicht untersucht, ob es in irgendeiner Form Einfluss auf ihren Zyklus zum Bauernkrieg gehabt hat. Kollwitz selbst wies die schöne Literatur als Quelle für ihre Arbeit zurück.