
Kollwitz‘ erster nachweisbarer Besuch einer Berliner Bühne datiert vom 26.2.1893. Es war die Uraufführung der „Weber“ von Gerhart Hauptmann (1862–1946), die sie tief beeindruckte. Sie erinnerte sich später, sie habe sich sofort an eine eigene grafische Serie zu dem Stoff gesetzt. Allerdings hat sie im selben Jahr wohl noch auf ein anderes Stück reagiert, das wenige Wochen später Premiere hatte: Max Halbes (1865–1944) Drama „Jugend“.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war der erklärte Lieblingsdichter der Künstlerin und sein „Faust I“ spielte eine feste Rolle im Oster-Ritual der Familie Kollwitz. Mit der Figur des Gretchens hatte sie sich schon 1889, vermutlich noch während der Münchner Studienzeit befasst. 1897 gab es für die Künstlerin die Möglichkeit, Teil I und II der Tragödie in Berlin zu sehen. Belegt ist aber nur, dass sie 1911 in Max Reinhardts (1873–1943) aufsehenerregender Inszenierung von „Faust II“ war.
kurz vorgestellt:
Lovis Corinth
(Tapiau 1858 – 1925 Zandvoort)
Corinth erhielt seine künstlerische Ausbildung in Königsberg, München und Paris. Nach ersten Erfolgen in München kam er 1900 nach Berlin und trat der dortigen Secession bei. Aus dem Impressionismus kommend entwickelte Corinth seine Bilder mit heftiger Pinselführung und zunehmender Farbigkeit. Ihn beschäftigten mythologische und religiöse Themen, zudem war er ein hervorragender Porträtist.
Emil Orlik
(Prag 1870–1932 Berlin)
Nach Studium in München und erster Selbständigkeit in Prag wurde Orlik 1905 als Leiter der Grafik-Klasse an die Berliner Kunstgewerbeschule berufen. Er war Mitglied der Berliner Secession und machte sich einen Namen als Porträtist zahlreicher Personen aus der darstellenden und bildenden Kunst. Dazu schuf Orlik Entwürfe für Bühnenbilder und Kostüme. Er unternahm zahlreiche Fernreisen und ließ sich vom japanischen Farbholzschnitt inspirieren.
Alfred Roller
(Brünn 1864–1935 Wien)
Aus einer Künstlerfamilie stammend studierte Alfred Roller an der Wiener Akademie und wurde 1897 zum Mitbegründer der Wiener Secession. Bis 1903 arbeitete er als Lehrer an der Kunstgewerbeschule und wechselte dann als Ausstattungsleiter an die Wiener Staatsoper, wo er gemeinsam mit Gustav Mahler die Idee des szenischen Gesamtkunstwerks etablierte. 1909 wurde Roller Direktor der Kunstgewerbeschule in Wien, zugleich begann seine langjährige Zusammenarbeit mit Max Reinhardt in Berlin.
Ernst Stern
(Bukarest 1876–1954 London)
Nach einem Studium an der Münchner Kunstakademie arbeitete Stern zunächst als Zeichner für die bekannten Zeitschriften „Jugend“ und „Simplicissimus“. 1905 ging Stern nach Berlin und wurde Mitglied der dortigen Secession. An den Reinhardt-Bühnen avancierte er schnell zum Chefausstatter, in den 1920er Jahren stattete er auch Opern, Revuen und Filme aus. Stern war weiterhin bildkünstlerisch tätig und schuf mehrere druckgrafische Mappenwerke. Nach 1933 emigrierte Stern nach London.
kurz erzählt:
Jugend
Max Halbes Drama „Jugend“ schildert auf einem westpreußischen Pfarrhof die verbotene Liebe zwischen Annchen und ihrem Cousin Hans. Eingezwängt zwischen familiären Erwartungen, gesellschaftlicher Moral und religiösen Normen, eskaliert ihre Beziehung in Konflikten und tragischen Konsequenzen. Als ein eifersüchtiger Rivale den Konflikt zuspitzt, kommt es zu einem gewaltsamen Zwischenfall mit tödlichem Ausgang.
Faust I
Der Gelehrte Faust, verzweifelt an den Grenzen seines Wissens und Lebens, geht einen Bund mit Mephisto, dem teuflischen Verführer ein: Er erhält Jugend und weltliche Erfüllung im Austausch für seine Seele. Auf Streifzügen durch die Welt, begegnet er der jungen Gretchen und beginnt eine leidenschaftliche Beziehung. Durch Fausts Handeln gerät ihr Leben aus den Fugen: Mutter und Bruder sterben, Gretchen verzweifelt, tötet ihr Kind und wird gefangen genommen. Faust flieht mit Mephisto – Gretchen bleibt allein zurück.
Faust II
In „Faust II“ erwacht Faust an einem Kaiserhof, wo er mit Mephistos Hilfe Reichtum und Ordnung verspricht. Auf einer Reise durch antike und mythische Welten begegnet er Helena von Troja, erlebt mit ihr Liebe und Verlust. Im Alter lässt Faust dem Meer Land abringen und verfolgt ein großes Bauprojekt. Blind und dem Tod nah, stirbt er im Moment des Vollendens. Mephisto fordert seine Seele, doch Engel entziehen sie ihm.
Ausstellungswerke:
1
Käthe Kollwitz
Märzfriedhof
1913
Kreidelithografie
im Unterrand mit dem typografischen Text: 18 MAERZ / FÜR DIE MITGLIEDER DER FREIEN VOLKSBÜHNEN
Sammlung Ute Kahl, Köln
Käthe Kollwitz ließ 1913 für die Mitglieder der Volksbühnen-Vereine eine Edition dieser Lithografie für kleines Geld auflegen. Damit sollte ihnen wohl der Erwerb von Kunst ermöglicht werden. Es ist denkbar, dass die Aktion auch mit der Sammlung von Mitteln für den Neubau eines eigenen Theaters zusammenhing, der 1914 eröffneten Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.
2
Käthe Kollwitz
Märzfriedhof
1913
Kohle auf Ingres-Bütten
Sammlung Ute Kahl, Köln
Mit dieser Zeichnung wurde die gleichnamige Lithografie vorbereitet, die an den 18. März 1848 erinnerte. An diesem Tag fielen im Zuge der revolutionären Ereignisse von 1848/49 in Berlin 300 Protestierende den königlichen Truppen zum Opfer. Ziele der Aufständischen waren die nationale Einheit und die politische Freiheit in Deutschland. In SPD-Kreisen gedachte man dieser Toten alljährlich am 18. März.
3
Käthe Kollwitz
Titelblattentwurf für das Vereinsheft der Freien Volksbühne
um 1900
Grafit und Feder in schwarzer Tusche
Käthe Kollwitz Museum Köln
1890 war der Verein der Freien Volksbühne gegründet worden, um der Arbeiterschaft einen Zugang zum Theater zu ermöglichen. In geschlossenen Veranstaltungen konnte zudem die Aufführung von unter Zensur stehenden Stücken stattfinden. Käthe Kollwitz‘ Bruder Conrad Schmidt (1863–1932) war an der Gründung beteiligt und wurde 1897 Vorsitzender des Vereins. Vermutlich schuf seine Schwester auf sein Betreiben die Vignette für den Umschlag der Vereinsblätter.
4
Lovis Corinth
Bildnis Max Halbe
1917
Öl/Leinwand
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Der heute fast vergessene Autor Max Halbe (1865–1944) wird dem Naturalismus zugeordnet. Er war noch Unbekannt, als sein Drama „Jugend“ am 23.4.1893 mit sensationellem Erfolg uraufgeführt wurde. Seine nachfolgenden Bühnenwerke konnten an diesen Erfolg jedoch nicht anschließen.
5
Käthe Kollwitz
Junges Paar
1904?
Radierung, Strichätzung, Schmirgel, Reversage und Vernis mou mit Stoffdurchdruck
Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
Offenbar hatte das Thema der Radierung von 1893 Käthe Kollwitz nicht losgelassen, denn sie nahm es nach 1900 noch einmal auf. Möglicherweise war sie in technischer Hinsicht unzufrieden mit der frühen Umsetzung des Motivs. Bei der späteren Grafik wendete die Künstlerin komplexere Tiefdruckverfahren an.
6
Käthe Kollwitz
Selbstbildnis in ganzer Figur, sitzend
1893
Tuschfeder, laviert auf Bütten
Käthe Kollwitz Museum Köln
Wie viele junge Künstler nahm sich Käthe Kollwitz gern selbst als Modell und studierte vor einem Spiegel die Körperhaltung und die Wirkung von Mimik und Gebärden. Diese Detailstudie zur weiblichen Figur auf der Radierung von 1893 hat jedoch wohl auch eine persönliche Note. Dem befreundeten Maler Otto Nagel (1894–1967) soll Kollwitz gesagt haben, dass die Arbeit nach dem ersten Ehestreit mit ihrem Mann Karl entstanden sei.
7
Käthe Kollwitz
Junges Paar
1893
Radierung, Aquatinta, Schmirgel und Polierstahl auf Velin, überarbeitet mit Deckweiß
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Nur indirekt lässt sich diese frühe Radierung mit Max Halbes (1865–1944) 1893 uraufgeführten Liebesdrama „Jugend“ in Verbindung bringen. Käthe Kollwitz selbst muss dies dem Berliner Kunsthistoriker Johannes Sievers (1880–1969) mitgeteilt haben, der es in dem Werkverzeichnis ihrer Grafik von 1913 veröffentlichte.
8
Alfred Roller (Entwurf)
Drehbühnen-Modell zu Goethes „Faust I“
1909
(Inszenierung von Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin, 1909)
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Im März 1909 hatte Max Reinhardt (1873–1943) Goethes „Faust. Teil I“ mit der damals neuartigen Drehbühne inszeniert. War der Schauplatz vorher durch gemalte Kulissen dargestellt worden, so wurde jetzt in dreidimensionalen Räumen gespielt. In Berlin hatte Reinhardt die Drehbühne erstmals 1905 eingesetzt.
Der Regisseur beauftragte gern bildende Künstler für den Entwurf von Bühne und Kostümen. In diesem Fall war es der als Bühnengestalter vielfach erfahrene Mitbegründer der Wiener Secession, Alfred Roller (1864–1935).
9
Alfred Roller
Entwurf des Bühnenbilds zu „Faust I“ (Straße)
1909
(Inszenierung von Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin, 1909)
Mischtechnik
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Mit seinem Entwurf führte Alfred Roller (1864–1935) den Einzel-Schauplatz der Straße für die Gestaltung der Drehbühne vor Augen. Auf dieser Straße spielen drei Szenen der Tragödienhandlung:
– Faust begegnet zum ersten Mal dem unschuldigen Gretchen und umwirbt sie.
– Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Faust und Mephisto.
– In einem Streit zwischen Gretchens Bruder Valentin und Faust tötet Faust den Bruder.
10
Emil Orlik
Faustprobe bei Reinhardt
1909
Kohle, farbige Kreiden
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Der Künstler zeichnete 1909 während einer Probe zu Max Reinhardts (1873–1943) Inszenierung der Tragödie „Faust. Teil I“.
11
Emil Orlik
Max Reinhardt bei der Faustprobe mit Paul Wegener als Mephisto
1911
(Inszenierung „Faust II“ von Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin, 1911)
Radierung
Privatsammlung Berlin
Am Ostermontag 1911 waren Käthe und Karl Kollwitz gemeinsam in Max Reinhardts (1873–1943) Inszenierung von Goethes „Faust. Teil II“, die acht Stunden dauerte. Beide schrieben darüber an ihren auswärts studierenden Sohn Hans.
12
Ernst Stern
Figurine (Kostümentwurf) zu Faust als Plutus
1911
(Inszenierung „Faust II“ von Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin, 1911)
Mischtechnik
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Käthe Kollwitz schrieb ihrem Sohn Hans am 18. April 1911 über die Aufführung, bei der sie die Mummenschanz-Szene im ersten Akt mit dem Umzug verschiedener Gruppen verkleideter Personen besonders beeindruckt hatte. Hier tritt Faust im Kostüm von Plutus, der Personifikation des Reichtums und der Bodenschätze, auf. Die Künstlerin fand: „Das Maskenfest war famos.“
13
Ernst Stern
Figurine (Kostümentwurf) zur Sorge in „Faust II“
1911
(Inszenierung von Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin, 1911)
Mischtechnik
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Eine weitere Szene, die von der Künstlerin gegenüber ihrem Sohn Hans 1911 als „fein und fesselnd“ befunden wurde, dreht sich um die Läuterung Fausts im letzten Akt, um ihn von seinem Teufelspakt zu erlösen. Dafür nähern sich ihm die „Vier grauen Weiber“, die Personifikationen von Mangel, Not, Schuld und Sorge. Aber nur der Sorge, die auch Kollwitz gesondert nennt, gelingt es, Faust im Innersten anzurühren und zur Besinnung zu bringen.
14
Ernst Stern
Figurine (Kostümentwurf) zur Sirene in „Faust II“
1911
(Inszenierung von Max Reinhardt am Deutschen Theater Berlin, 1911)
Mischtechnik
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Im zweiten Akt der Tragödie wird Faust in die antike Welt mit ihren Gottheiten und Heroen versetzt. Hier kommen auch Sirenen vor. Das sind vogelartige weibliche Fabelwesen, die im Mythos Seefahrer mit ihrem Gesang betören, um sie ins Verderben zu stürzen. Ergänzt wird der Kostümentwurf mit einer Konstruktionsskizze, die die bühnentechnische Realisation dieser Fabelgestalt visualisiert.
15
Lovis Corinth
Bühnenbild-Entwurf zum Prolog im Himmel in „Faust I“
1922
(Inszenierung von Victor Barnowsky am Lessingtheater Berlin, 1922)
Pastell
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Lovis Corinth (1858–1925) wurde beauftragt, 1922 die Bühnengestaltung für die Inszenierung zu „Faust. Teil I“ durch Victor Barnowsky (1875–1952) am Lessingtheater zu schaffen. Er entwickelte sein Gesamtkonzept aus der Szene des Prologs im Himmel, in dem die drei Erzengel Gottes Werke verherrlichen. Durch die Himmelsszene scheinen bereits die Umrisse eines gotischen Gewölbes für spätere Schauplätze.
16
Lovis Corinth
Bühnenbild-Entwurf zum Osterspaziergang in „Faust I“
1922
(Inszenierung von Victor Barnowsky am Lessingtheater Berlin, 1922)
Pastell
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Hinter dem Himmelsgewölbe des Prologs scheint der Schauplatz des Osterspaziergangs von Faust und seinem Gehilfen Wagner vor den Toren der Stadt hindurch.
In der Familie Kollwitz gehörte es zum alljährlichen Osterritual, dass aus dem Text von „Faust. Teil I“ vorgelesen wurde. Deshalb erscheint es plausibel, dass die Künstlerin sich mehr als eine Inszenierung des Stücks angeschaut hatte. Und in diesem Fall war zudem der von ihr geschätzte Kollege Corinth an der Umsetzung im Lessingtheater beteiligt.
17
Lovis Corinth
Bühnenbild-Entwurf zur Studierstube in „Faust I“
1922
(Inszenierung von Victor Barnowsky am Lessingtheater Berlin, 1922)
Pastell
Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln
Auf diesem Entwurf tritt nun das gotische Gewölbe in den Vordergrund, das sich auf den anderen Bühnenbildern in Umrissen abzeichnet. Hier wird es zur Studierstube des Gelehrten Faust im ersten Akt. Es kann jedoch mit anderem Interieur ebenso als Architektur für die Szenen in Auerbachs Keller und im Dom dienen.



