Zu „Die Weber“

[…] Aber dabei steht in der Dichtung nicht eine Spur von eigentlicher Tendenzpoesie, jedem Reden ging der Dichter aus dem Wege, und Alles ist echt und wahrhaft gestaltet und gebildet worden. Gerhart Hauptmann künstlerisch gehört zu den ganz Wenigen in unserer Zeit, welche an ihren Schultern die echten Dichterflügel tragen und auf ihnen über den Dampf und Dunst alles Parteipolitischen sich doch erheben und in jenen reineren Höhen wohnen, die sich nur dem Dichter, dem Philosophen und den wahrhaft religiösen Naturen erschließen. Was am Sonntag die Besucher der „Freien Bühne“ zu so stürmischem Beifall hinriß, das war sicher nicht die revolutionäre Rede eines Parteipolitikers, sondern nur die allgemeine, große Menschlichkeit, die sich stark in Liebe, Mitleid und Haß äußerte: alles Politische und Sozialistische hat sich hier abgeklärt zu reinster künstlerischer Bildung und über dem nackten Interesse schwebender Menschlichkeit.

Julius Hart – Tägliche Rundschau 28.2.1893

Zu „Die Weber“

[…] Das notleidende Webervolk ist der Held, jede der handelnden Personen ist nur ein Charakterzug dieses Helden, eine Linie zu seinem Porträt. Der Theaterzettel, an sich ein interessantes Dokument in der Theatergeschichte, zählt fünfzig handelnde Personen auf, mehr als irgend ein Drama in der Bühnenliteratur […]
Das charakteristische Merkmal des Weberaufstandes, das Fehlen jedes politischen Elements und jeder eigentlich revolutionären Regung brachte die Darstellung klar zur Wirkung. Man fühlte es: hier erhoben sich nicht Zukunftsstaaten-Schwärmer zu einem Angriff auf den bestehenden Staat, hier hatte nur ein Verzweiflungsrausch, ein Hungerdelirium einen Exceß hervorgerufen, hier stand man vor Leuten, die, voller Ehrfurcht für das Bestehende, sogar das Hungern ergeben als ihr Geschick innerhalb der lieben Weltordnung hinnehmen und nur gegen das Verhungern sich sträuben. Eine eigentlich aufreizende Wirkung stellte sich so wenig ein, wie sie beabsichtigt ist

Isidor Landau – Berliner Börsen-Courier 28.2.1893

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Max Liebermann
Porträt Gerhart Hauptmann
1892

Pastell

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Käthe Kollwitz hatte Gerhart Hauptmann (1862–1946) bereits kennengelernt, bevor sie 1893 die Uraufführung seines Dramas „Die Weber“ auf der Bühne sah. Die beiden begegneten sich wohl bereits vor Beginn ihrer Studienzeit 1886/87 in Berlin. Während jenes Wintersemesters war die angehende Künstlerin dann vermutlich mehrmals in das Heim des noch unbekannten Dichters in Erkner bei Berlin eingeladen worden. Zwischen den beiden entwickelte sich ein loser Briefwechsel bis 1943.

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Käthe Kollwitz
Szene aus Germinal
1893

Radierung, Strichätzung, Kaltnadel und Schmirgel

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

Bevor sich Käthe Kollwitz der Bearbeitung des Weber-Stoffes für ihren bekannten ersten grafischen Zyklus „Ein Weberaufstand“ zuwandte, stellte sie noch diese Radierung zu Émile Zolas (1840–1902) Roman „Germinal“ fertig.

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Käthe Kollwitz
Zwei miteinander ringende Männer
um 1892/93

Schwarze Kohle, stellenweise gewischt auf Velin

Käthe Kollwitz Museum Köln

Nachdem Käthe Kollwitz sich ein Bild vom Schauplatz gemacht hatte, führte sie Studien zum Personal einer Schlüsselszene im Roman „Germinal“ aus, die sie in Szene setzen wollte. Zwei junge Männer kämpfen um Catherine, eine junge Bergarbeiterin.

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Käthe Kollwitz
Königsberger Kneipe
um 1891

Feder in Schwarz, grau laviert auf Zeichenkarton

Käthe Kollwitz Museum Köln

Nachdem Käthe Kollwitz in München kollegiale Anerkennung für eine Illustration zu Émile Zolas (1840–1902) Roman „Germinal“ erhalten hatte, verfolgte sie das Thema bei ihrer Rückkehr nach Königsberg weiter. Sie fertigte tagsüber in verrufenen Hafenkneipen zeichnerische Studien für den Schauplatz der Kampfszene aus „Germinal“, die sie darstellen wollte.
Erkennbar orientierte sich die Künstlerin dabei am Prinzip der Guckkasten-Bühne, bei der das Publikum wie durch eine fehlende vierte Wand in den Schauplatz eines Geschehens hineinsieht.

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Käthe Kollwitz
Gretchen
1899

Radierung, Kaltnadel und Aquatinta auf Chinapapier, aufgewalzt auf Kupferdruckpapier

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Sechs Jahre nach der ersten Radierung zum Gretchen-Thema entwarf die Künstlerin eine eigenständige Version des Motivs. Sie vereinigt zwei Phasen der Dramenhandlung auf einem Blatt. Das unglückliche schwangere Gretchen steht auf einem Steg über einem Gewässer. Unter sich erblickt es eine tröstliche Zukunftsvision: Dort wird das nach der Geburt von ihr aus Verzweiflung ertränkte Kind liebevoll von einer mütterlichen Todes-Gestalt umfangen.

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Käthe Kollwitz
An der Kirchenmauer
1893

Radierung, Strichätzung, Kaltnadel und Pinselätzung

Käthe-Kollwitz-Museum Berli

Im Vergleich wird deutlich, dass Käthe Kollwitz sich am Anfang ihrer bildlichen Umsetzung der Gretchen-Figur von vorhandenen Darstellungen anregen ließ. Während Eugène Delacroix (1798–1863) das unglücklich verliebte Mädchen zeigt, wendet die Künstlerin das Sitzmotiv für das zutiefst verzweifelte Gretchen an, dem seine uneheliche Schwangerschaft bewusst wird.

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Käthe Kollwitz
Sitzende Frau, das Gesicht mit der rechten Hand bedeckend
um 1893

Kohle und Feder in schwarzer Tusche auf Zeichenkarton

Privatsammlung

Während bei der wohl in München entstandenen Tuschezeichnung das Gretchen-Motiv nur anklingt, wird der Bezug zu Goethes Faust-Tragödie bei dieser Zeichnung deutlicher. Sie bereitet die Radierung „An der Kirchenmauer“ vor, bei der über der sitzenden Frau eine Nische im Mauerwerk und das lange Gewand einer weiblichen Statue zu sehen sind.

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Käthe Kollwitz
Kniende vor einem Marienbild
um 1893

Feder in Tusche, rechts mit Pinselproben in Tusche, auf festem Velin

Käthe Kollwitz Museum Köln

Diese um 1893 entstandene Federzeichnung belegt, dass Käthe Kollwitz sich zu Beginn ihrer Beschäftigung mit der Figur des Gretchen aus Goethes „Faust I“ an verschiedenen damals bekannten Illustrationen des Dramentextes orientierte.