Käthe Kollwitz war 1910 begeisterte Augen- und Ohrenzeugin der aufsehenerregenden Premiere von Sophokles‘ „König Ödipus“ im Zirkus Schumann. Danach schrieb sie beeindruckt in ihr Tagebuch:
„Die Ödipus-Aufführung am 7. November. Ganz grandios, ganz gewaltig. Wenn auch nicht sophokleisch und nicht antik, wenn auch Zirkusstil (‚King Ödipus in Karlshorst‘) – so doch neu, aufregend, kolossalisch in den Dimensionen, tragisch wirkend. Das Volk nach der Kunde von Jokastens Tod hin- und zurückgeschleudert am Palast wie tosende Brandung. Der Strudel. Als dann der geblendete Ödipus erscheint, der aufseufzende Schrei mit dem das Volk zurückbebt bis aus der Arena heraus. Ödipus wenn er aus seiner Sonnenhöhe zum Chor sprach, ebenso wie er den Chor nur als dämmernde Masse sah, schien er ihn zu hören, nur undeutlich, nur halb willig hörte er hin mit dem ärgerlich ungeduldigen Gesichtsausdruck eines Menschen, der Unliebes hört. Dann sein Schreien, als er aus dem Palast kommt, sein fassungsloser Jammer. Jokaste mit dem blutroten Munde, wie sie beide Arme horizontal von sich streckend das Unentrinnbare sieht. / Und zuletzt der Beifall, wert einer solchen Aufführung. / Tagelang hat es mich gehoben.“
