Nach dem Besuch einer Vorstellung von Hugo von Hofmannsthals (1874–1929) Mysterienspiel „Jedermann“, die im Zirkus Schumann aufgeführt wurde, schrieb Käthe Kollwitz im Januar 1912 dem Sohn Hans:
„Abends waren wir in Jedermann. […] Ich fand es wunderschön und vor allem Moissi von hinreißender Liebenswürdigkeit und Temperament. […] Diese Rolle aber hält man fast wie für ihn gemacht. Hamlet spielt er, aber hier ist er der verwöhnte, schöne, liebenswürdig schwache junge Kerl, den das Sterben so entsetzlich schwer ankommt. Wie er endlich begriffen hat, was sterben heißt und daß ihm nichts von seinen irdischen Freuden bleibt, wie er da seine dicke goldene Kette abnimmt und weit weg wirft, seine Ringe weit weg, mit diesem Gesichtsausdruck eines verwöhnten lieben Jungen, der findet, daß ihm sehr Unrecht geschieht und gleich weinen wird. Wundervoll war das alles, ganz wundervoll. – Und in diesem naiven Schaustück, das mit Knochenmann, Engeln und Teufeln operiert als ob man weiß Gott nicht im 20. Jahrhundert lebt, wird man – werde ich wenigstens – so ganz gepackt von dem Grauen des unerbittlichen Todes.“
