Tugend und Mangel der Aufführung… Die Tugend lag in der größeren Schlichtheit. […] Jetzt im „Hamlet“ … bleibt zwar der Kernraum wieder so gut wie unausgefüllt; doch Nebensächliches wird nirgends zur Hauptsache. [ …]
Hamlet, Konversationsstück. Stellenweise mit vielem Recht. Zwanzig Jahre nach Gründung der Freien Bühne wird in ihrer Stadt gewiß natürlicher gesprochen […] Der stärkste Fehler scheint mir in der geringen Beherrschung der Teile zu liegen. Die Linie gegen den Schluß wird schwankend; matt. Ein großer Regisseur, scheint mir, bringt doch Steigerung; er bringt einen Wurf des Ganzen; hier ist Stück an Stück (und erblassend gegen den Schluß) gesetzt… die zweite Hälfte flüchtig… ich merke kein Anwachsen des Errungenen … Man sieht geschmackvolles Hamletsdrama. Vieles adrett abgetönt, gestimmt, anziehend, fein, lecker. Ich will nicht sagen: ein scharmanter Hamlet. Aber statt mythischen Gewölks etwas Wohlbegrenztes. […]
Moissi (mit allen seinen Reizen) war keine von der Sucht nach letzten Fragen durchsetzte Kreatur. […]
Ein rührendes Hamletche, – ja. […] Neben all dem Herrliches. Aber wir wußten, daß er das besitzt. Er war sogar bezaubernd … Bloß: er war nicht dieser Mann in diesem Werk.
Alfred Kerr: Der Tag Nr. 245, 19.19.1909
